Nachklang Selbsthilfe-Festival 2016

„Das machen wir wieder!“
Selbsthilfe-Festival 2016 auf dem Tempelhofer Feld

Ines Krahn sitzt am Montag nach dem Festival bei Sekis noch zwischen unausgepackten Kisten und Taschen, als der erste Besucher in der Tür steht: „Guten Tag. Ich war am Samstag auf dem Selbsthilfe-Festival und dachte, ich komme gleich mal vorbei“.
Davon hatten wir noch am Samstagmorgen nicht zu träumen gewagt. Der Himmel ist bezogen und auf dem Feld stürmt es. Kein typisches Juli-Wetter. In der Nacht hatte der Sturm die Bühne erwischt. Dort, wo sie geplant war, gibt es nun nur eine Fläche aus Podesten.
Dennoch prägt entspanntes Gewusel seit 7.00 Uhr die Fläche am Eingang des Columbiadamms. Zelte markieren schon seit dem Freitagabend alle wichtigen Orte: Ein Workshopzelt mit Flipchart steht neben dem Filmzelt mit Stuhlreihen und Leinwand. Seitlich der Bühne präsentieren Bilder unterschiedlichster Gruppen kreative Arbeiten im Ausstellungszelt und das große Familienzelt bietet gleich unterschiedliche Zonen für Rückzug, Aktion und Kreatives.
Im Zentrum des Festival-Geländes prangt das große, 30 m lange Info- und Begegnungszelt. 80 Gruppen hatten sich gemeldet, um an diesem 09. Juli sich und ihre Arbeit auf dem Tempelhofer Feld zu präsentieren. Das Themenspektrum ist so vielfältig wie die Menschenleben, die davon betroffen sind: chronische Erkrankungen, psychosoziale Leiden, Behinderungen und Sucht. Anliegen Angehöriger waren ebenso vertreten wie Gender- oder soziale Themen.

Selbsthilfe mitten im Leben
Gegen 14.00 Uhr steigt die Spannung. Der Wind hat sich mittlerweile gelegt und die Sonne ist hervorgekommen. Kommen nun auch die Besucher? Berlinweit war geworben worden, in U-Bahnen und Aushängen, Presse und Radio. Trotzdem weiß man nie, wer sich tatsächlich auf den Weg macht. Schließlich hatte genau dieser Gedanke uns ja auf das Tempelhofer Feld geführt. Ein Ort, an dem die Menschen ihre Freizeit verbringen, an dem sie erfahrungsgemäß sind ohne sich extra zu einer Veranstaltung aufzumachen.
Als schließlich Senator Mario Czaja als Schirmherr die Veranstaltung eröffnet, Prof. Barbara John, Angelika Vahnenbruck und Gerlinde Bendzuck von Veranstalterseite die Gäste begrüßen, da haben sich nicht nur die Reihen vor der Bühne gefüllt. Anfangs zögerlich und dann immer lebendiger belebt sich die Strecke des Festivalgeländes. Die Menschen kommen. Manche gezielt aufmerksam geworden durch die Werbung in der Stadt, viele aus Neugier beim Bummel über das Feld.
„Wir haben mal gefragt: 10 von 14 Teilnehmer*innen im Workshopzelt kamen nicht aus der Selbsthilfe“, berichtet Jens Geisler aus dem Arbeitskreis Fortbildung in der Selbsthilfe. Ähnliches erleben die Stände im Begegnungszelt. Der Strom reißt nicht ab. Längst ist die Luft eigentlich zu knapp für die Menge an Menschen, die sich über die 4 Stunden des Festivals verteilt durch die Reihen an Tischen und Ständen schiebt. Das Interesse ist groß – an einzelnen Themen und am Modell Selbsthilfe. "Enorm, dass es das in Berlin alles gibt“, staunt ein frisch zugezogener Mann aus Norddeutschland und zieht strahlend weiter Richtung Bühne.

Der letzte Song kommt viel zu früh
Ergänzt werden die Zelte durch Aktionen auf freiem Feld. Die Junge Selbsthilfe bietet die Gestaltung eines Memorys an, welches im Anschluss an das Festival tatsächlich in die Produktion gehen soll. An der Kreativwand sammelt derweil eine junge Künstlerin Stimmen zur Selbsthilfe in Comic-Form ein. Auf der Wiese ist ein großer Drum Circle aufgebaut. Hier trommeln 120 engagierte Menschen aus unterschiedlichen Kulturen für die Selbsthilfe. Und während die Gäste beim Puppentheater durchaus nicht nur dem Kindergartenalter entsprechen, bricht der Andrang beim Rauschbrillen-Parcours – einer optimalen Teststrecke für den Gang mit ordentlich Promille im Blut - alle Rekorde. „80 Leute waren da“, freut sich das Team später. „So viel hatten wir noch nie auf einer Veranstaltung!“
Als gegen 18.00 Uhr die Pitsch-Band auf der Bühne zum letzten Stück anhebt, ist es „gefühlt“ viel zu früh. Links von der Band übersetzt eine Gebärden-Dolmetscherin mit viel Groove simultan Text und Musik. Das Publikum jubelt: „Die Frau ist der Hammer!“
Bis nach dem Festival bei Sekis und anderen Selbsthilfe – Kontaktstellen die Kisten und Taschen wieder verstaut waren, hat es gedauert. Festival-Jetlag. Aber ein richtig guter. 4000 Menschen sind am 09. Juli auf dem Tempelhofer Feld der Selbsthilfe begegnet und waren begeistert. Der Tag war für alle Beteiligten ein absoluter Höhepunkt im Jahresverlauf. Fasst man die spontanen Rückmeldungen bisher zusammen, fällt ein Satz am häufigsten: „Das machen wir wieder!“